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zu alt?

Letztes Jahr war ich einige Monate auf Arbeitssuche. Die vielen Absagen waren recht entmutigend. Ich hatte mir schon gedacht, dass es nicht einfach sein würde, eine Stelle zu finden, hatte ich doch viele Jahre ausserhalb des Hauses "nur" Voluntärtätigkeiten ausgeübt und kein Gehalt bezogen. Aber ich dachte mir, die Personalchefs müssten mich nur persönlich kennen lernen, dann würde es schon werden. Doch auch das brachte lange Zeit keinen Erfolg. Zwar wurde es selten direkt ausgedrückt, dennoch bekam ich deutlich zu spüren, dass ich ihnen zu alt war. Zu alt? Ich konnte das nicht glauben. Eines Tages jedoch, als ich auf dem Heimweg in die Strassenbahn stieg, bot mir ein Jugendlicher seinen Sitzplatz an. Da wurde mir bewusst, dass ich mit meinen 50 Jahren von vielen Menschen vielleicht nicht gerade als uralt, aber doch als "älteres Semester" angesehen wurde.

Faltenlose Schönheit, Energie, Tempo, Produktivität — das sind die Schlagwörter für die heutige Zeit. Wer nicht diesem entspricht, wer nicht produziert — und zwar mehr als gestern —, wird aufs Abstellgleis geschoben, weil er ja zu nichts mehr nütze ist. Wir alle kennen den Ausdruck "zum alten Eisen geworfen werden", wo man dann leise vor sich hinrosten darf, aber bitte ohne andere irgendwie zu stören. Oft haben alte Menschen das Gefühl, von der Gesellschaft ins Abseits getrieben worden zu sein — man ist alleine, man wird nicht mehr gebraucht, höchstens noch geduldet.

Wenn wir altern, so bringt das Änderungen mit sich. Daran können wir nichts ändern, und es trifft uns alle früher oder später. Viele medizinische Experten sind der Meinung, dass die körpereigenen Funktionen des Menschen schon mit 30 Jahren langsam beginnen abzubauen; zwar weniger als 1% pro Jahr, aber immerhin, der Trend geht körperlich abwärts. Da aber alle Organe mit einer hohen Überproduktion ausgestattet sind, bemerkt man diese Veränderungen nicht so dramatisch vor dem 60. Lebensjahr. Dann allerdings stellen sich rasch Falten ein, Muskeln erschlaffen, Krankheiten und Konzentrationsschwierigkeiten treten häufiger auf.

Das Alter bringt also Einschränkungen mit sich. Man ist nicht mehr so, wie es die von dieser Gesellschaft aufgestellte Norm vorschreibt. Und man weiss, man wird sie auch nie mehr erreichen. Wie Robert Kastenbaum in seinem Buch Dorian, graying von seinen Falten schreibt, die selber Falten bekommen. Und mit einem Augenzwinkern beklagt er sich, dass er bald eine Brille brauchen wird, nur um seine Brille zu finden.

Eine ältere Freundin von mir ist ihr Leben lang sehr aktiv gewesen. Sie und ihr Mann haben ein Geschäft aufgebaut, vier Kinder gross gezogen; sich einfach hinsetzen und es ruhig nehmen waren sie nie gewöhnt. Vor kurzen erzählte sie mir nun, wie schwer es ihr fällt zu akzeptieren, dass sie etwas kürzer treten muss. Sie muss sich nach einigen Stunden immer ein wenig ausruhen. Es ist für sie kein Problem, dass nicht mehr so viel Arbeit geschafft wird. Vielmehr flösst es ihr etwas Angst ein, dass sie einfach nicht mehr die Kraft hat, die Energie, die Ausdauer wie früher. Der eigene Körper, der so lange als guter Diener unseren Befehlen gehorchte, erweist sich mit zunehmendem Alter von Zeit zu Zeit sogar als Feind. Man kann ihm nicht mehr so vertrauen wie früher.

Den meisten von uns fällt es somit schwer, den Änderungen und Einschränkungen, die das Altern mit sich bringt, gelassen und mit fröhlichem Gleichmut entgegenzusehen. Und die Einstellung unserer westlichen Kultur hilft auch nicht. Barbara Frey Waxman schreibt in ihrem Buch To live in the center of the moment, Altern werde oft so angesehen, nicht mehr tief und auf vielfache Weise im Leben involviert zu sein, von Arbeit und zwischenmenschlichen Beziehungen abgeschnitten zu sein. Es stimmt schon, ein gewisser Abstand entsteht. Doch man muss dies durchaus nicht nur negativ ansehen. Es gibt auch ein erfolgreiches Altern, in dem man die unumgänglichen Beschränkungen erkennt und akzeptiert, aber deshalb nicht aufgibt, aktiv und bewusst zu leben.

Robert Kastenbaum nennt dieses gewisse Abstand-Nehmen die Befreiung von Vorspiegelung und Täuschung. Ich muss nicht einfach nur so oder so sein, nur weil es von anderen erwartet wird. Die Zeit gibt uns allen die Gelegenheit, einen beobachtenden und nachdenkenden Sinn zu entwickeln, sich wirklich bewusst und nach reiflicher Überlegung für dieses oder jenes zu entscheiden — für etwas, das wahren Wert für uns besitzt, und sich nicht gedankenlos dem Druck unserer Umgebung, Gesellschaft, Kultur zu unterwerfen

Natürlich kommt dies nicht automatisch, nicht jeder alte Mensch ist auch weise. Weisheit kommt nicht von selber, doch ein bewusst und bedacht gelebtes Leben bietet uns die Möglichkeit. Wie viele von uns nutzen die Chance? Sehnen wir uns nicht oft lieber nach unserer einst straffen Haut und machen eine Jungbrunnenkur? Diese Suche nach der endlosen Jugend behandelt sowohl die Jugend als auch das Alter als statische Zeiträume. Doch beide Perioden beinhalten Stress und Furcht, aber sie bieten auch Entwicklungsmöglichkeiten, die uns offen sind, denn — wie Kastenbaum betont &mdash wir werden im Grunde genommen im Alter der Mensch, der wir jetzt sind.

Auch Carolyn Heilbrun spricht in ihrem Buch The last gift of time von einer Akzeptanz der Veränderungen, die das Alter mit sich bringt. Die 70jährige Autorin erzählt, dass sie in ihren 60er Jahren anfing, nicht mehr umherzueilen, sondern eine langsamere Routine zu geniessen. Wenn sie jetzt mit ihrem Hund spazieren geht, nimmt sie sich Zeit, um sich alles anzuschauen, betrachtet in Ruhe die Dinge, an denen sie früher nur vorbeigeeilt ist. Der jüngere Mensch denkt oft ausschliesslich daran, was für morgen zu erreichen ist und vergisst darüber das Heute. Vielleicht erkennt der ältere Erdenbürger eher, dass die Anzahl der Morgen beschränkt ist und wie wertvoll das Heute ist. Das bedeutet nicht, ohne gross nachzudenken in den Tag hineinzuleben, sondern ihn vielmehr als Geschenk zu erkennen und ihn dementsprechend zu nutzen.

Carolyn Heilbrun bemerkt aber auch, wie leicht es für sie ist, sich von ihrem Körper und ihren Gewohnheiten gefangen nehmen zu lassen, was sie als Gefahr des Alterns ansieht. Sie sagt, sie sei sich mehr des Todes bewusst und wähle deshalb bewusst das Leben. Für sie bedeute das, nicht dauernd in die Vergangenheit zu schauen, sondern den Augenblick zu leben. Und gerade Beziehungen zu jungen Menschen helfen ihrer Meinung nach dabei. Nicht um sie mit Erzählungen von der "guten, alten Zeit" zu langweilen und sie ob der "unmoralischen Gesellschaft heute" zu kritisieren, sondern um von ihnen das Gefühl und den Pulsschlag der heutigen Zeit zu lernen.

Auf der anderen Seite findet die Autorin Barbara Frey Waxman, dass das Sich-Erinnern an Vergangenes ebenfalls eine essentielle Entwicklungsaufgabe im Alter, eine revitalisierende Fähigkeit für das Alter ist. Es ist ein Weitergeben an die nächste Generation, ein Band, das Alt und Jung zusammenhält, den Jungen eine Verwurzelung bietet und den Alten die Zuversicht, dass die eigene Identität nicht mit dem Tod ausgelöscht wird.

bibliographie

Heilbrun, Carolyn. (1997). The last gift of time: life beyond sixty. New York: Dial.

Kastenbaum, Robert. (1995). Dorian, graying: is youth the only thing worth having? Amityville, NY: Baywood.

Waxman, Barbara Fry. (1997). To live in the center of the moment: literary autobiographies of aging. Charlotteville, VA: UP of Virginia.

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